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und täglich grüßt das murmeltier

so, bevor noch jemand fragt, wieso gerade kirgisistan, hier die wahre geschichte. unser postbote ist kirgise, und nachdem er uns immer so nette sachen bringt, hat er uns gefragt, ob wir nicht seiner mama, die in einer einsamen jurte inmitten der berge, die durch den beständigen druck des indischen subkontinents aufgefaltet wurden, lebt, zum geburtstag eine schachtel pralinen überbringen wollen würden. und wir dachten, wieso nicht. so war das und nicht anders. ok?

wir flogen also über moskau nach Бишкек. moskau selbst war wunderbar sonnig, als wir ankamen, ganz im gegensatz zum gemüt der russischen beamten. dennoch ging alles gut, ganz ohne schmiergelder über diverse paßkontrollen, durchleuchtungsmaschinen und duty-free-shops. der flughafen - dem altgriechischen alphabet entstammende schriftzeichen, viele menschen und vor allem viele laute urlaubsreife russen - war im prinzip wie jeder durchschnittliche griechische inselflughafen, nur daß statt luftmatratzen fahrräder eingecheckt wurden. als wir aber endlich zum flugzeug kamen, hat es in strömen geregnet, und die wolken warfen den schatten einer vorahnung auf den ganzen trip.

in Бишкек angekommen wurden wir in unsere freundliche familienpension transportiert, wo wir nach und nach unsere mitwandernden kennenlernen durften. die stadt ist von bergen umgeben und voll mit kleinen kanälen, die entlang der straße daherplätschern und die vielen bäume bewässern. ansonsten ist sie nicht wahnsinnig interessant, hat aber eine charmante mischung aus orientalischem flair und sowjetischen überbleibseln zu bieten.

tags drauf fuhren wir mit einem minibus los richung osten. die kirgisischen straßen sind in einem eher schlechten zustand, aber wir dachten uns, "wo wir hingehen, brauchen wir keine straßen" (von wem bzw. woher stammt dieses zitat?). dafür ist das prinzip des shared space weitestgehend verwirklicht bzw. naturgegeben, sodaß es leicht passieren kann, daß man bei einem überholmanöver mit 70 km/h in einer unübersichtlichen kurve direkt über einem abhang noch schnell zwei kühen ausweichen muß. da darf man sich dann gar nicht anscheißen.

zu mittag waren wir in einer überfüllten autobahnraststätte (ok, autobahn war es keine, aber autostraßenraststätte sagt man ja nicht), wo wir aus platzgründen in ein hinterzimmer geführt wurden, in dem uns zwei polizisten mit schlagstöcken erwarteten. nachdem sie ihre suppen ausgelöffelt, ihre schlagstöcke wieder an sich genommen und sich verabschiedet hatten, bekamen wir einen wirklich guten лагман, eine mischung aus gulyásleves (nicht mit gulaschsuppe zu verwechseln) und udonartigen nudeln.

dann kauften wir unterwegs noch eine fette wassermelone, und weiter gings zum Иссык-Куль, dem zweitgrößten gebirgssee der welt. der name kommt daher, daß der erste kirgise, der vor jahrtausenden über die berge kam, beim anblick der wunderbar riesigen wasserfläche die worte "issyk kul!" von sich gab. kul war der see wirklich, in den ersten sonnenbeschienenen minuten durchaus erfrischend, da aber gegen nachmittag die wolken aufkamen, eher nur noch kalt. dort haben wir in einem traditionellen jurtenlager geschlafen, zum zweiten mal an dem tag лагман gegessen und mit gary, dem verrückten irischen bergsteiger, und seiner ganzen russischstämmig-kirgisischen schwägerschaft, darunter zwei der führenden alpinisten der sowjetischen kartographierung des tien-shan vor etwa 30 jahren, vodka getrunken.

am nächsten morgen trafen wir unsere mannschaft, die kirgisischen träger, und fuhren mit ihnen über unwegsame straßen zum ausgangspunkt des treks. die jungs waren sehr nett, studenten bzw. schüler, hirten und dergleichen, die sich in den ferien etwas dazuverdienen, indem sie sich über trekkingagenturen für solche reisen buchen lassen. angeführt wurden sie von Бахрам, dem immer fröhlichen, muskelbepackten koch, der wie eine kirgisische ausgabe von vin diesel aussieht, aber vermutlich wesentlich besser kochen kann. die jungs nahmen unsere großen rucksäcke (wir hatten immer nur die untertags notwendigen dinge wie regenjacken, wasserflaschen und sowas in einem tagesrucksack bei uns), stopften sie in noch größere, stopften noch ihre eigenen sachen, die zelte, die kochutensilien und das ganze proviant mehrerer tage dazu und überholten uns dann sanft lächelnd immer spätestens auf halbem weg.

bei uns ging hannes "mr. clearskies" gröbner mit langen, bedächtigen schritten voraus, die ruhe und trittsicherheit ausstrahlen und trotzdem eine ziemliche geschwindigkeit an den tag legen, gefolgt und oft überholt von conny, die "einem rehe und jungen hirsche gleich auf denen hügeln" (woher bzw. von wem?) herumtollte. dann kamen thomas und jürg, unsere zwei schweizer, und wir bildeten meist aus konditionellen und fototechnischen gründen den abschluß.

wir gingen durch wundervolle täler, von denen jeder einen eigenen charakter hat (die nebentäler meist mit unuhigen, wilden bächen und schroffen wänden oder steilen murmeltierbaudurchlöcherten wiesen, in denen oft nur ein pfad begehbar war, die haupttäler mit gemütlich dahinmäandernden, sich immer wieder verzweigenden flüssen und sumpfigen ebenen, die dann wieder von dichtem wald abgelöst werden), über im wahrsten sinne des wortes atemberaubende (in der höhe nimmt der partialdruck des sauerstoffs mit dem luftdruck annähernd exponentiell ab) pässe, durchquerten flüsse und bäche über steine, baumstämme, seltener echte brücken, auf einer seilbahnartigen konstruktion, zu pferd oder gar barfuß und kamen meist am frühen nachmittag an unserem jeweiligen lagerplatz an, wo wir unsere zelte aufschlugen und unsere füße ausstrecken konnten.

das wetter war leider suboptimal. angeblich ganz untypischerweise für den kirgisischen sommer gab es so gut wie jeden tag (es gab zwei-drei ausnahmen in elf tagen) regen am früheren und/oder späteren nachmittag, manchmal aber auch schon in der früh. dann kam aber auch immer wieder die sonne raus, sodaß die sachen, die am zweiten tag naß wurden, irgendwann nach einer woche auch schon wieder weitestgehend trocken waren. und am schönsten, sonnigsten und wärmsten tag, als wir im wunderschönen Каракол-tal saßen und sicher waren, das schlechtwetter sei für immer vorüber (die hoffnung starb am nächsten morgen), kam unser proviantnachschub nicht an, damit wir uns nicht zu früh übers wetter freuen. aber am ende wurde alles gut, ein bißchen vodka und lagerfeuer bringen alles wieder in ordnung.

wasser kam nicht nur von oben, es war auch unten allgegenwärtig. mit ausnahme der pässe selbst waren wir immer in unmittelbarer nähe von wasser, das wenige hundert meter unterhalb der gipfel aus dem boden sickert oder von den in der sonne abschmelzenden schneefeldern und gletscherzungen fließt, innerhalb kürzester zeit von anderen bächen gespeist zu einem wilden, unbändigen flüßchen wächst und malerisch zu tal strömt. wer also in den kirgisischen bergen ruhe und stille erwartet, wird schnell feststellen, daß ein fluß direkt neben dem lagerplatz schon mal wie eine kleine mehrspurige autobahn rauschen kann. aber das blendet man mit der zeit aus.

auch das penetrante kläffen der hirtenhunde (kirgisische hunde können definitionsgemäß nicht beißen), die man bei den jurten, von denen es in den bergen doch einen ganzen haufen gibt, antrifft, stört einen nach ein paar tagen bzw. nächten gar nicht mehr, und über die witzigen pfiffe der murmeltiere freut man sich direkt. etwas leiser, dafür viel prominenter sind die kühe und pferde, die fast frei durch die täler und schluchten wandern, meist in ziemlichen herden, denen man auch mal ganz unerwartet plötzlich hinter einer biegung auf über 3000 höhenmetern begegnen kann. und natürlich sieht man ihre "spuren" überall (meistens genau dort, wo man die einzige halbwegs ebene stelle für sein zelt ausgemacht hat). so gesehen war das wetter gar nicht so schlimm, denn so eine von haustieren frequentierte hochalm kann bei sonneneinstrahlung ein ziemlich unangehnem naturnahes aroma entfalten.

den abschluß der wanderung bildeten zwei tage in Алтын Арaшaн, wo es heiße, radon- und schwefelhaltige quellen gibt (wer mal dort ist, sollte sich die kleine gemauerte zwei-personen-grotte, die direkt aus dem felsen mit heißem wasser befüllt wird, nicht entgehen lassen. einfach beim yeti-hotel quer übers feld, beim wegweiser leicht links, über die kleine brücke und dann dem pfad folgen, bis man gar nicht mehr glaubt, daß da noch was kommt. dann kommts hinter der nächsten biegung. und falls jemand einen tragbaren dampfreiniger bei sich trägt, bitte kurz den stöpsel ziehen und die ganzen überreste tausender badegäste ein bißchen wegmachen.), nach sowjetischen maßstäben hervorragend ausgebaut (eine scheune mit undichtem dach über zwei klobigen betonbecken ohne weitere sanitäranlagen). eigentlich wäre es noch weitergegangen, aber wir als gruppe haben gestreikt und uns lieber auf die rückkehr in die zivilisation vorbereitet. das geht ganz gut, wenn man pferde und ein paar (weiß-)russische reisegruppen mit gitarre und vodka zur unterstützung vorfindet. wir saßen abends im festsaal der gastronomischen einrichtung bei der feuerstelle, tranken alkohol, sahen uns die videos von nackten weißrussen in anderen heißen quellen an, spielten gitarre, sangen, tanzten und machten lustige fotos. bis um elf die hausherrin kam und uns nachtruhe verordnete.

danach ging es mit einem alten allradtransporter, der in früheren zeiten als mobiler zahnarztwagen gedient hatte, richtung Каракол. es hat schon was, wenn man hundert meter über einer schlucht und einem reißenden fluß mit neigungen von 20-30° herumtuckert. da ist zum teil auch den einheimischen schlecht geworden.

Каракол selbst ist zwar eine stadt, sieht aber aus wie ein größeres dorf, trotz universität, theater und Цүм (einkaufszentrum mit öffnungszeiten bis 17 uhr). man kann aber hervorragend essen und den letzten abend mit unseren kirgisischen freunden in der abgefuckten disco Эрикa verbringen, wo die discokugel alle drei minuten genau 30 sekunden leuchtet und ansonsten fast völlige dunkelheit herrscht (es sei denn, man macht die tür zur bar oder zum unisex-klo, dessen tür man nicht absperren kann, was den lokalen angewohnheiten offenbar durchaus zugute kommt, auf), wo man aber sich aber endlich mit tatkräftiger unterstützung der sehr netten tschechischen touristen, die uns auf der tour immer wieder begegnet sind, mit den trägern, die man seit fast zwei wochen kennt, unterhalten kann. issyk-kul.

das war auch schon das nächste stichwort, es ging dann zwei tage zurück zum see, der auf 1609 höhenmetern die beste gelegenheit für einen expresssonnenbrand bietet. den braucht man auch, denn in den bergen, wo man doch meistens hose und t-shirt anhatte, konnte man nur arme und höchstens schultern fleckig braten. das wetter hat mitgespielt, die sonne brannte runter, und der orkanartige wind hat uns davor bewahrt, es beim sonnenbrandholen allzu warm zu haben. der strand ist sandig und teilweise grasbewachsen, ins wasser muß man aber über einen unangenehm steinigen teil, worauf wir dann größtenteils doch lieber verzichtet haben. dafür ist richtig high- und wildlife am strand, man trifft wild um sich tretende und kopulierende esel, bissige kamele, mit denen man sich fotografieren und deretwegen man sich prügeln kann, exquisite pferde mit geschäftstüchtigen kindern am rücken, hühner, truthähne und sonstiges geflügel sowie schafe und rinder als шашлык. da geht die post ab.

zum abschluß gab es noch eine letzte fahrt zurück nach Бишкек, mit einem kleinen umweg über Бурана, der einst blühenden stadt entlang der seidenstraße, von der inzwischen nur noch ein halber turm, deren genaue höhe wir mit hilfe diverser methoden ziemlich exakt auf ungefähr 20-35 meter bestimmen konnten, und ein großer lehmhügel übergeblieben sind. am abend dann nochmal gut gegessen, und in der früh dann schon zum flughafen.

allgemein kann und muß man festhalten, daß kirgisistan ein wunderschönes land ist. der teil, den wir bereist haben, hat eine gewisse ähnlichkeit mit unseren alpen, nur das ganze so ungefähr tausend meter höher. flora und fauna sind recht ähnlich, bis auf die theoretisch vorhandenen schneeleoparden, die wir aber eh nicht gesehen haben. in den ebenen hat das land einen gewissen mediterranen charakter, auch die ländliche architektur ist, von gelegentlichen sowjetischen sünden, seltenen folkloristischen einschlägen und den islamischen friedhöfen abgesehen, durchaus europäisch, natürlich mit einem gewissen ostblockcharme. nur die allgegenwärtigen jurten fallen aus dem bild, und natürlich auch die menschen.

kirgisen sind grundsätzlich sehr freundliche leute, was bzw. im gegensatz zu den russen, von deren freundlichkeit wir uns zwar bei ein paar gläschen vodka mehrere male überzeugen konnten, die sie aber im nüchternen zustand definitiv nicht zur schau stellen, sehr erfrischend ist. die kinder sind absolut superknuffelherzig und in der gegend um Каракол herum auch äußerst kommunikativ, sie winken gleich, wenn sie einen als ausländer identifizieren, rufen "hello!" und stellen sich gern für fotos zur verfügung. auch beim älterwerden verlieren sie ihre freundlichkeit nicht oder vielleicht eher nur in den städten. ihre gastfreundlichkeit, mit der sie uns in ihre jurte auf ein paar tassen кумыс einladen, uns ihre pferde zum reiten herborgen oder einfach nur im vorbeigehen begrüßen, ist zwar von geschäftssinn geprägt, aber herzlich und ehrlich.

kirgisistan hat ein lockeres verhältnis zur kommunistischen vergangenheit, was sich nicht nur darin äußert, daß in den städten oder auf dem land hin und wieder eine lenin-statue rumsteht, sondern auch in den uniformen ausdrückt, die einen freundlichen, charmanten jungen kirgisen in einen kalten, unsympatischen postsowjetischen polizisten, soldaten oder nationalparkherumgeher verwandeln. und die straßen sind immer noch voll mit dem, was schon im ungarn der 80er als veraltet galt, in erster linie uralte, unverwüstliche autos von Лада und Москвич, gemischt mit modernen westlichen karren, hauptächlich aus deutschland, die aber bei einer eventuellen kollision mit einem alten sowjet durchwegs den kürzeren ziehen. andererseits hat jeder ein handy, und entlang der straßen stehen junge шашлыкbräter mit spießen statt fackeln in der hand als freiheitsstatuen der marktwirtschaft.

die heimfahrt war durchaus ereignisvoll. am flughafen hat uns ein (eh klar, uniformierter) junger mann unsere einzige mitgenommene gabel abgenommen (ich gebs ja zu, es war ungeschickt, sie im handgepäck zu haben. aber über die möglichkeit, ein flugzeug mit einem löffel zu entführen, haben sie sich offenbar noch keine gedanken gemacht), als gäbe es im flugzeug nicht eh auch metallgabeln. dann gab es zwei turbulente flüge mit gutem essen, wobei sich marielies aufgrund von ersterem in wien dann von zweiterem verabschieden mußte. und zum schluß hat uns ein gelangweilter österreichischer zollbeamter noch aus reiner schikane durchleuchtet, was weniger eine unannehmlichkeit als einfach nur eine typisch beamtoide frechheit war. aber egal, wir haben alles überlebt, husten, schnupfen, nasse füße (= eine woche plastiksackerl im bergschuh), entzündetes auge, hunger, durst, hagel, paßkontrollen, und sind wohlbehalten wieder hier, um der nachwelt von dieser sehr empfehlenswerten tour berichten zu können.

zum schluß müssen wir einige danksagungen aussprechen. danke hannes und der ganzen gruppe für die gemeinsame zeit und die motivation, anna und mama hammerer für reiseapotheke, wanderstöcke, rucksackregenüberzüge und diverse tipps, berni und rené für die arktischen schlafsäcke, der larve des seidenspinners für die innenschlafsäcke, christian für den kauf derselben, die thermarestmatten und das gießen der terrasse, raimund für das gießen der pflanzen in der wohnung, equus ferrus caballus kirgisiensis für einige sehr schöne stunden, herrn tschibo für sehr viel (socken, bade- und regenhose, rucksack, taschenlampe, becher, ...) und dr. möbius für die topologisch äußerst elegante und ergonomisch korrekte wanderstockhandschlaufe (wenn die dinger nur UV-durchlässig wären!).

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9 Kommentare

1. anya (anonym), 16.08.2007 17:24:10 #

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